Presse:
Dienstag, 8. Juli 2008 11:26

Action, Tempo, Gags und Dramatik

Albbote 08.07.2008

Naturtheater Hayingen zeigt Räuberstück "Der Schwarze Vere" - Regie führt Peter Höfermayer

Mit dem "Schwarzen Vere" von Martin Schleker steht nun die Uraufführung eines schwäbischen Räuberstücks auf dem Programm: eine charmant erzählte Legende mit viel Musik, Witz, Action und Sozialkritik.

KATHRIN KIPP

Räuberstück charmant erzählt: Das Naturtheater spielt bis 7. September Martin Schlekers "Der schwarze Vere". Foto: Kathrin Kipp
Hayingen  Sie steigen bei Nacht ins Haus, klettern über das Bett der sanft schnarchenden Biedermeiers und nehmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Wenig später inszenieren sie auf der Straße eine "Baustelle" und rauben die braven Bürger in ihrer schicken Pferdekutsche aus. Aber trotzdem verbreitet die Bande um den Schwarzen Vere, der um 1800 in Oberschwaben sein Unwesen getrieben hat, nicht überall nur Angst und Schrecken.
 
Die Vorstellung vom gesetzlosen, unabhängigen und rebellischen Abenteuerleben setzt natürlich auch (nicht nur literarische) Bewunderung und Romantisierung in Gang, und so will der (ebenfalls historische) Biberacher Maler Johann Baptist Pflug die Räuberbande unbedingt auf seine Leinwand bannen und damit unsterblich machen.

Ebenfalls verfolgt werden die Ganoven von einer Horde Groupies, die nach den Überfällen schneller da sind als die trotteligen Ordnungshüter, so dass es immer noch eine Runde Autogramme reicht. Die kreischenden Fans wiederum passen dem weiblichen Teil des Räuberrudels überhaupt nicht.
 
Und so verquickt Martin Schleker in aufklärerischer Mission wieder einmal munter Historie, Legende, Politik und heutige Phänomene miteinander, nicht ohne dabei kräftig über die ganz großen Obergauner abzulästern, versteht sich. Das romantische Klischee des wilden Räuberlebens in naturnaher Freiheit wird natürlich mit viel Witz und Ironie demontiert. Die verwegenen Burschen träumen angesichts des allzeit drohenden Galgens wiederholt von einem bürgerlichen Leben mit "weißer Weste" - allein, "die Verhältnisse, sie sind nicht so", wird Brecht genauso zitiert wie Heinrich Heine.
 
Und selbst seine weiße Weste muss man sich noch irgendwoher klauen. Nichtsdestotrotz wird in dieser schwäbischen Dreigroschenoper unverzagt gesungen: Uli Bühl haut dazu in die Tasten, während Schauspieler und Moritatensängerin (Gisela Schleker) ihre Räuberlieder zum Besten geben. Erstmals führte Peter Höfermayer vom Theater Lindenhof Regie, der auch seit einigen Jahren das Freudenstädter Sommertheater künstlerisch leitet. Das unterhaltsame Stück, das Höfermayer in bewährter Hayingen-Tradition mit viel Action, meist hohem Tempo, lustigen Ideen, vielen Gags und ein klein wenig Dramatik inszeniert, erntete bei der Premiere viele Lacher und noch mehr Beifall.
 
Die einstürzenden Altbauten hat man allerdings dieses Jahr weggelassen, denn beim heruntergekommenen Räubernest gibts praktisch nichts mehr einzustürzen. Und auch sonst haben die Bühnenbauer keine Mühen gescheut: Direkt neben dem Gefängnis in aussichtsreicher Höhenlage thront ein schmuckes Biedermeierhäuschen - mit seiner offenen Schlafzimmerfront wie geschaffen für Einbrüche.
 
Rechts davon tummeln sich Stammgäste, Liebende und Deserteure im gemütlichen Wirtshaus-Biergarten. Dort werden nicht nur die aktuellen Ereignisse diskutiert, sondern es spielen sich auch allerlei menschliche Tragödien ab - etwa wenn sich die Räuber nicht gerade auf dem langen Laufsteg mit dem singenden Sondereinsatzkommando eine wilde Verfolgungsjagd liefern.
 
Die Figuren stellen allesamt schwäbisch-rustikale Originale dar, die von den Schauspielern wieder mit viel Herzblut verkörpert werden. Die Räuber sind mit ihren Sonnenbrillen außerordentlich coole, wendige, furchtlose und lebenslustige Jungs: Alex Beetz gibt dabei einen sehr stattlichen, ungestümen und wilden, aber durchaus auch charmanten Schwarzen Vere ab, der sich mit seiner Sephe (Ilona Herter) von der ebenfalls recht raubeinigen Frauenbande gepfefferte Dialoge liefert.
 
Info
 
"Der Schwarze Vere" am Naturtheater Hayingen - weitere Termine: bis 7. September samstags 20 Uhr, sonntags 14.30 Uhr, zusätzlich am Freitag, 29. August, um 20 Uhr.