Presse:
Dienstag, 8. Juli 2008 11:52

Mal amol a Male, Moler!

Schwäbisches Tagblatt 08.07.2008

Hayinger Naturtheater: Schwarzer Vere und weiße Weste in Martin Schlekers Volksstück

Hayingen. Im Angesicht des Galgens, gesteht der Schwarze Vere seiner Frau Sephe: Als Räuber hätte er es gerne im Leben zu etwas gebracht, zu einer weißen Weste, aber keine geklaute. Verdammt? Nein, gerettet! Sie fliehen donauabwärts Richtung Schwarzes Meer, „do bauet mir unser Häusle“. Martin Schleker jr. hat seinem wirklichkeitsgesättigten Stück ein Happy End verpasst. Dem historischen Schwarzen Vere Franz Xaver Hochleiter (1788-1819) hat ein Blitz nicht das Biberacher Gefängnis geöffnet, er hat ihn erschlagen. Schleker gelingt eine muntere Collage aus historischen Anspielungen, Brecht-Zitaten, Wortwitz, Slapstick. Regisseur Peter Höfermayer hat das Stück perfekt auf die Bedingungen des Hayinger Viel-Generationen-Theaters hin inszeniert, so dass alle aus der großen Laienspielerschar ihre Paraderollen bekommen – von den ganz Kleinen bis zu den Alten.Eigentlich ist das Räuberleben ja gar nicht lustig, Not und Hunger treiben dazu, nicht die kriminelle Energie. Dass sie ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, sichert den Räubern die Feindschaft der Reichen und die Bewunderung der Armen. Das Hayinger Räuberstück macht daraus keinen sozialpädagogisch bemühten Schwarz-Weiß-Holzschnitt, sondern viele bunte lebendige Szenen.Als Bild im (Bühnen-)Bild wird das berühmte Räuberbandenbild des Biberacher Malers Johann Baptist Pflug nachgestellt. Bei der Suche nach kräftigen und farbigen Motiven aus dem Räubermilieu hat Hermann Herter als Maler Pflug wieder eine wunderbare Rolle. Er gibt einen etwas windig-ironischen, schnellsprechenden Intellektuellen (“A ehrliche Lug hat noch nie gschadet“), der aber im Schwarzen Vere seinen Meister findet: „Mal amol a Male, Moler!“, herrscht dieser ihn an. Der Schwarze Vere (überzeugend Alex Beetz) spricht nicht nur zungenbrecherisch, sondern auch Jenisch. Das Stück setzt dieser untergegangenen Sprache ein Denkmal (“Du schofle Schickse, hosch du denn koin Segel maih im Kibes“). Schlekers Schwäbisch kennt nicht nur Grobheiten, sondern auch Feinheiten, Derbes und Leises. Manche seiner Sprachspiele stehen nur als Überschriften im Textbuch: „Theke, Antitheke, Syntheke = Hochdoitsch“. Die Schauspieler sind mit Begeisterung bei der Sache, spielen professionell. Döhle und Löhle haben wieder ihre Lohle-Rollen, die Räuber-Groupies tanzen schrille Technorhythmen: „Black men in the wood are very good.“ Die Verfolgungsjagden zwischen Räuberfängern und Räubern sind glänzend choreographierte Verwirrspiele. Im „Weißen Kreuz“ wird das Wirtschaftleben durch Liebeswirren heftig erschüttert. Das ist alles sehr komisch, aber die Verliebten machen sich dabei nicht zu Trotteln. Die Musik von Uli Bühl ist anspielungsreich, zurückhaltend, aber von einer hohen dramatischen Wirkung. „Sepp, gang hoim“ ist ein witziges Nonsense-Lied mit Qualitäten eines Gassenhauers. Dass Gisela Schleker Moritaten ein wenig leise sind, gereicht ihnen sehr zum Vorteil.

Alfred Keicher

Info: Gespielt wird „Der Schware Vere“ im Hayinger Naturtheater im Tiefental bis 7. September, samstags um 20 Uhr und sonntags um 14.30 Uhr.