Presse:
Montag, 12. Juni 2017 23:22

Immer der Nase nach

Mit viel Tamtam, Nebel, Musik, Geknatter und Gewackel stürmt der „mächtige, phänomenale“, stimmgewaltige und ozmäßig glückliche Zauberer von Oz auf die Bühne und kommt sich allmächtig vor, weil er endlich seinen „magischen Zauberapparat“ mit mächtigen Falltüren fertig gestellt hat, an dem er „das letzte halbe Jahrtausend“ herumgeschraubt hat.

Südwestpresse 12.06.2017

Hayingen | Man sieht gleich, der Zauberer von Oz ist ein schwäbischer Tüftler, denn er kommt aus dem Hayinger Tiefental und neigt zu leichter Selbstüberschätzung. Denn ganz so vollkommen ist sein Glück nicht, schließlich hat er es mit der bösen Hexe zu tun, gegen die er trotz der ganzen Zaubermaschinerie nicht ankommt.

Außerdem ist ihm ein bisschen langweilig, weshalb er sich aufregende (Theater-)Geschichten zusammenfantasiert, die prompt wahr werden, wenn man nur richtig fest daran glaubt. Oder wenn sie glaubhaft gespielt werden, wie vom Hayinger Naturtheater-Ensemble, das unter der Regie von Silvie Marks und Johannes Schleker, die ihre schwäbische Oz-Version aufs Hayinger Naturtheater zugeschrieben haben, wieder einmal herzerfrischend fröhlich auf der Bühne agiert. Allen voran Julia Diesch als tapfere Doro, die „immer der Nase nach“ geht und auch entsprechend gerade heraus singt und spielt.

Das Regieteam Marks/Schleker hat wieder eine farbenfrohe Show organisiert, mit neckischen optischen und choreographischen Effekten und fast schon psychedelischen Szenen: Etwa, wenn Doro sich aus ihrem etwas braven, langweiligen und reizunterfluteten „Hinterhintertupflingen“ wegträumt, wo sie bei Tante und Onkel (Verena Behringer, Werner Fick) auf ihre viele Fragen keine Antworten bekommt.

Lustig aussehende Helferle

Sie lässt sich vom Zauberer nach Oz locken, der sie mit dem Wind herbeiwirbeln lässt. Während die Zuschauer kräftig pusten, umgarnen sie des Zauberers flatterhafte Helferle mit ihren fast schon transzendentalen Plastikböen und Windhosen – was super aussieht. Die Helferle selbst sehen schon lustig aus. Sie stecken in blauen Latzhosen und erinnern mit ihren Brillen, die sie vor der gnadenlosen Schönheit im Ländle Oz schützen sollen, ein wenig an die Minions, wie sie so über die Bühne wuseln und am Zauberapparat herumschrauben, klopfen und hämmern.

Doro weiß bald nicht mehr, wo sie ist und wer die andern sind, und will ziemlich schnell wieder nach Hause, auch wenn die Wibele (bunt gestreifte, recht lauffaule Wesen) sie gleich in ihr Herz geschlossen haben. Denn wo Doro auftaucht, da wird geholfen, und auch die Wibele beschützt sie vor der bösen Schwarzen Hexe (Katrin Dehner), die als „Nebenwirkung vom Wirbelwind“ daherkommt. Doros weiterer Weg wird kein leichter sein, aber sie bekommt dafür immerhin Zauberschuhe, die sie vor bösen Mächten beschützen. Und weil man seinen Lebensweg schlecht alleine gehen kann, trifft sie unterwegs lauter Gefährten.

Mit kleinen und großen Schwächen und kleinen und großen Wünschen: Franz Biffart hängt als wirkungslose Vogelscheuche am Feldkreuz und jagt keiner einzigen Krähe Angst ein. Er wünscht sich mehr Hirn als Stroh im Kopf, hat aber trotzdem immer erstaunlich gute Ideen. Sein Heuschnupfen lässt ihn immer wieder aufhüpfen. Doro und die Vogelscheuche tun sich zusammen und treffen außerdem auf den herzlosen Blechmann (Florian Stefanz), der sehr nah am Wasser gebaut ist und deshalb ständig einrostet. Er wünscht sich sein gestohlenes Herz zurück, hat aber trotzdem ständig große Gefühle.

Das drollige Trio trifft schließlich noch auf den ängstlichen Löwen (Manuel Kalmus), der ein bisschen aussieht wie Sam Hawkins aus den Winnetou-Filmen. Sein Leben stellt „eine einzige Zitterpartie“ dar, weshalb er sich mehr Mut herbeisehnt.

Gemeinsam sind sie stark, können mit ihren gesammelten Schwächen und Stärken die ein oder andere Gefahr überwinden, unter anderem, als sie auf der Wiese der „hinterhältigen Blümele“ vom giftigen Duft betört werden. Und so ist in Oz alles ein bisschen verdreht: Die Schönheit kann täuschen, die eigentlichen Loser können die besten Freunde werden – und Schwächen können zu Stärken werden, wenn man nur kämpfen will.

Denn die Erfüllung seiner Wünsche und das Glück muss man sich erarbeiten, findet der Zauberer: Das Leben ist schließlich kein Wunschkonzert. Und so kann man mit „Mut, Hirn, Herz“, Musik, guten Freunden und Zuversicht auch böse Hexen in die Flucht schlagen.